Altstadt als städtebauliches Denkmal von besonderem RangErlangen entspricht nicht den heute gängigen Schönheitsidealen und muß zum Teil gegen die von Jugend an angelernten Sehgewohnheiten betrachtet werden. Es besitzt keine als romantisch empfundene verwinkelte mittelalterliche Altstadt, keine malerische Stadtmauer. Während dennoch viele Einheimische und Besucher den besonderen Reiz der Stadtanlage verspüren, empfinden andere die schnurgeraden Straßen-und Platzfronten, die immer noch unübersehbare Einheitlichkeit der Häuser als nüchtern oder gar langweilig. Geschult, nur herausragende Einzelbauten als etwas Besonderes wahrzunehmen, gehen sie an dem vorbei, was die Stadt wesentlich auszeichnet: dem Gesamtensemble.
Denn Erlangen ist auch in dem durch die Vielfalt seiner Kulturlandschaft berühmten Franken etwas Besonderes. Seit der Gründung der offiziell so genannten "Neustadt Erlangen" 1686 anläßlich der Aufnahme von französischen Glaubensflüchtlingen als barocke Idealstadtanlage südlich der seitherigen "Altstadt Erlangen" gab es bis 1812 nebeneinander zwei selbständig verwaltete Städte gleichen Namens. Nach einem verheerenden Stadtbrand 1706 wurde der 1002 erstmals erwähnte mittelalterliche Ort nach dem Vorbild der "Hugenottenstadt" wieder aufgebaut.
Als eine der am besten erhaltenen barocken Planstädte in Deutschland ist die ehemalige Doppelstadt heute ein städtebauliches Denkmal von besonderem Rang. Ihre Wurzeln entspringen nicht in der fränkischen Stadtlandschaft, in der sie mit ihrem strengen Straßenrastersystem und den schnurgeraden Straßen- und Platzfronten der einheitlichen Reihenhäuser eher wie ein Fremdkörper wirkt. Sie liegen vielmehr in städtebaulichen Idealvorstellungen, welche damals in verschiedenen europäischen Ländern, neben Deutschland vor allem Frankreich und Italien, gleichzeitig entwickelt wurden.
Bis in das 19. Jahrhundert galt Erlangen wegen seiner regelmäßigen Anlage als eine der "schönsten Städte in Deutschland" bevor aufgrund gewandelter Schönheitsideale die Absichten seiner Schöpfer nicht mehr verstanden wurden. Ein wesentliches Kriterium war die übergreifende Einheitlichkeit der u.a. mit Anwendung des "Goldenen Schnitts" konstruierten Gesamtstadt, der sich das einzelne Bürgerhaus unterzuordnen hatte. Die über 300 Jahre alte Stadtanlage, in der sich Rationalität und der Geist einer neuen Zeit spiegeln, ist nicht nur ein Kleinod barocker Stadtplanung, sondern markiert einen wichtigen Punkt in der Entwicklung moderner Urbanistik. Sie steht in einer Reihe mit den älteren Planstädten Hanau, Mannheim und Kassel-Oberneustadt, die später mit Karlshafen und Karlsruhe und anderen fortgesetzt wurde. Auch die Grundrisse von St. Petersburg, Washington, Brasilia und zahlreichen weitere Städte in aller Welt wurden letztlich nach ähnlichen Prinzipien geplant und gebaut.
Auch in anderer Hinsicht erweist sich Erlangen in seiner Geschichte immer wieder als erstaunlich modern. Ein wichtiger Aspekt für die Aufnahme der Hugenotten 1686 war die Wirtschaftsförderung des an den Folgen des Dreißigjährigen Krieges leidenden Fürstentums Bayreuth. Um die Neustadt und eine moderne Wirtschaft aufzubauen, wurden für die Zeit ungewöhnliche Freiheiten gewährt (so gab es z.B. Niederlassungsfreiheit und keinen Zunftzwang). Im Unterschied zu anderen Städten lebten hier verschiedene Konfessionen friedlich zusammen, wovon noch die zahlreichen Kirchen zeugen.
Schließlich hat die Stadtgeschichte noch andere Höhepunkte zu bieten, wie sie in dieser Zusammensetzung einmalig sein dürften. Das in Abänderung der ursprünglichen Konzeption 1700-04 an der Ostseite des Marktplatzes errichtete Schloß ist vermutlich das erste Schloß zumindest in Süddeutschland, das wie Versailles an der Schnittstelle zwischen einer Stadt und einem nach ähnlichen Gesichtspunkten künstlich gestalteten Garten lag. Die berühmten Deckerschen Stiche verbreiteten das Idealbild dieser Anlage in ganz Europa. Und schließlich hat Erlangen auch bis in das 20. Jahrhundert hinein eine besondere Geschichte als Industrie-, Wirtschafts-, Garnisons- und Universitätsstadt aufzuweisen, von der jeweils markante Bauwerke zeugen (z.B. das historische Universitätsviertel im Schloßgarten, der "Museumswinkel", das ehemalige Kasernengelände, der "Himbeerpalast" etc.).
Dr. Andreas Jakob (Stadtarchiv)
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